Weihnachtsglück für 24 Cent

By Dezember 25, 2015News

weihnachtsglueck fuer 24 cent

Seit inzwischen sieben Jahren verfasse ich alljährlich zur Weihnachtszeit eine adventliche Kurzgeschichte – viel Spaß beim Lesen und ein frohes Fest!

Täglich eine gute Tat? Und das an jedem einzelnen Tag im Advent? Frau Heisenberger war offensichtlich sehr zufrieden mit ihrem Vorschlag und verkündete ihn in der letzten Deutschstunde im November so, als erhoffte sie sich dafür nun Jubelstürme in der Klasse – doch Jonas hätte am liebsten den Kopf auf die Arme gelegt und laut aufgestöhnt.

Ja, auch er war dafür gewesen, eine Alternative zum alljährlichen Wichteln zu finden, das sie in den ersten zwei Schuljahren jeden Dezember veranstaltet hatten – immerhin hatte er im vergangenen Jahr eine riesige Packung Toffifee bekommen, und in der ersten Klasse eine Spielfigur, die eindeutig aus einem Happy Meal von McDonald’s stammte. Gegen die Haselnüsse in Toffifee war Jonas allergisch, und der Figur sah man sehr deutlich an, dass bereits damit gespielt worden war. Dass sich Jonas’ Begeisterung für die Aktion – für die er selbst sich mit seiner Mutter immerhin stets wirklich schöne kleine Geschenkideen hatte einfallen lassen – nach diesen Erfahrungen in Grenzen hielt, war also vielleicht verständlich. Als er aber nun seiner Klassenlehrerin zuhörte, die gerade das Ersatzprojekt zu erläutern begann, zweifelte Jonas ein wenig daran, ob es ihm mit den vierundzwanzig guten Taten tatsächlich besser ergehen würde.

Nicht, dass er die Idee an sich schlecht fand; Jonas war allgemein als netter und hilfsbereiter Junge bekannt, und dieser Schein trog nicht: So war es für ihn ohnehin selbstverständlich, ab und an einem Mitschüler die Hausaufgaben zu erklären oder zu Hause beim Tischdecken zu helfen und den Müll nach draußen zu bringen. Aber Jonas hatte auch jede Menge Hobbys, und neben Hausaufgaben, Fußballtraining, Schlagzeugunterricht und der kurzen Gassirunde im Wohngebiet mit Familienhund Rüdiger, die er eigentlich auch mindestens jeden zweiten Abend übernahm, würde er kaum jeden Tag Zeit dafür finden, auch noch der alten Frau Müller von nebenan die Einkaufstaschen in die Wohnung zu tragen oder für Herrn Lotringer von gegenüber, der nach einem Sturz vorübergehend an Krücken ging, in der Auffahrt Schnee zu schippen.

„Es muss gar nichts Großes und Aufwendiges sein“, sagte Frau Heisenberger in diesem Moment. „Und viel Geld sollt ihr dafür erst recht nicht ausgeben. Überlegt euch stattdessen lieber ein paar nette Kleinigkeiten, mit denen ihr jemandem ein Lächeln ins Gesicht zaubern und ihn oder sie ein bisschen glücklich machen könnt – denn gerade darum geht es ja in der Weihnachtszeit. Es wäre auch toll, wenn ihr möglichst vielen verschiedenen Leuten und eventuell sogar Fremden eine kleine Freude bereiten könntet. Vielleicht wollt ihr eure guten Taten ja sogar heimlich vollbringen; auch, wenn ihr dann keinen direkten Dank dafür bekommt, ist die schönste Belohnung schließlich einfach, dass der Empfänger sich freut.“ Einige seiner Klassenkameraden begannen bereits zu tuscheln und erste Einfälle auszutauschen, doch Jonas war sich noch immer nicht sicher, was er überhaupt insgesamt von dem Projekt hielt. Und Frau Heisenberger war mit ihrer Ansprache noch nicht fertig: „Als kleine Hausaufgabe – dafür gibt es im gesamten Dezember auch keine anderen Aufgaben in Deutsch – sollt ihr ein kleines Tagebuch darüber führen, was ihr euch habt einfallen lassen und wie die Menschen darauf reagiert haben. Nach den Weihnachtsferien wollen wir dann gemeinsam aus euren Sammlungen guter Taten vorlesen. Dann starten wir gleich mit viel positiver Energie und guten Gedanken ins neue Jahr!“

Als die Schulglocke nach der letzten Stunde läutete und Jonas sich im Strom seiner Mitschüler aus dem Klassenzimmer treiben ließ, schienen insbesondere die Mädchen schon voller Tatendrang und überschrien sich gegenseitig mit ihren scheinbar unerschöpflichen Ideen dazu, wie sie in den kommenden Wochen Freude und Glück verbreiten wollten. Weihnachtspostkarten verschicken, hörte Jonas, oder Strohsterne basteln und verteilen. Freiwillig beim Plätzchenbacken der kleinen Schwester in der Kinderturngruppe helfen, oder beim Schmücken des Weihnachtsbaumes am Rathausplatz. Zuerst versuchte Jonas, möglichst viele Ideen aufzuschnappen und sie sich zu merken, aber im Grunde fand er es ziemlich öde, einfach nachzumachen, was ja eigentlich die anderen sich ausgedacht hatten. Wenn schon, dann wollte er sich sein ganz eigenes Adventsprojekt ausdenken, und mit einem Mal war er sich sicher, dass ihm nur etwas Gutes einfallen musste, damit die ganze Sache womöglich doch auch ihm selbst ein bisschen Spaß machen konnte. Zehn Minuten später, als Jonas in seine Straße einbog, war ihm jedoch noch immer kein zündender Gedanke gekommen, und er ließ die Füße schleifen und kickte ab zu und missmutig in einen der traurigen, schmutziggrauen Schneehaufen, die noch an manchen Stellen auf dem Bürgersteig dem Tauwetter trotzten.

Wie jeden Tag kam er fast zeitgleich mit seiner Mutter an der Ecke an, die nach der Arbeit in der Zahnarztpraxis seine kleine Schwester Linda aus der Kita abgeholt hatte. Mama sah auf den ersten Blick, dass ihn etwas bedrückte: „Herrje, es ist Freitag, das erste Adventswochenende steht vor der Tür, nächste Woche dürft ihr das erste Türchen am Adventskalender öffnen – und du schaust drein wie ein Miesepeter? Was ist denn los, Großer?“ Jonas wusste, dass Mama nicht lockerlassen und ihm auch ganz sicher helfen wollen würde, eine Lösung zu finden, wenn er ihr von seinem Problem erzählte – aber im Grunde war er noch nicht bereit, aufzugeben, und entschlossen, sich selbst etwas einfallen zu lassen. So murmelte er nur vage, dass er unbedingt eine gute Idee brauche, und gab dem nächsten Sulzschneehaufen neben der Straßenlaterne einen besonders festen Stiefeltritt. Es gab ein klingendes Geräusch, und eine wohl verlorene Centmünze sprang aus dem Schneematsch hervor und rollte in den Rinnstein. Linda bückte sich sofort hinunter, um sie aufzuheben. „Glückscent!“, rief sie triumphierend und hielt Mama ihre rechte Hand hin, wo nun in der Handfläche ihres feuerwehrroten Fäustlings eine erstaunlich saubere und glänzende Münze schimmerte. „Na bitte!“, meinte Mama lachend und knuffte Jonas in die Schulter. „Da ist ja schon dein Glück – manchmal liegt es einfach auf der Straße! Und auch, wenn Linda den Cent aufgehoben hat, hat er sicherlich genug Glück für euch beide in petto und kann auch dir mit deiner Idee auf die Sprünge helfen. Warte mal ab!“ Linda trug die Kupfermünze wie eine Trophäe auf ihrer ausgestreckten Hand nach Hause, und Jonas hatte kaum in seinem Zimmer den Schulranzen abgestellt und seine Hausschuhe angezogen, da hörte er von nebenan auch schon einen kleinen Jubelschrei und Linda polterte in Socken die Treppe hinunter, wobei sie schon von der Empore aus ein kleines rechteckiges Papierchen in der Hand schwenkte. „Gewonnen! Ich hab es mit dem Glückscent freigerubbelt!“, hörte Jonas, als er neugierig ebenfalls wieder nach unten ging, wo Mama gerade in der Küche Lindas Rubbellos begutachtete, das ihr nun offenbar ein weiteres Freilos beschert hatte. Sie sah Jonas in der Tür stehen und zwinkerte ihm über Lindas Schulter hinweg zu: „Und, hat sich dein Glück auch schon gemeldet?“ Jonas zuckte mit den Schultern, aber er konnte den Anflug eines Lächelns nicht unterdrücken. Er hatte tatsächlich das Gefühl, dass der Keim eines guten Gedankens sich gerade in ihm festgesetzt hatte.

Bevor er sich aber sicher sein konnte, brauchte er Rat. Weisen Rat von jemandem, der sich in allen Fragen auskannte, weil – wie er selbst behauptete – jedes weiße Haar in seinem Bart für eine Erfahrung stand, die er in seinem langen Leben gemacht hatte, und die er gerne an seinen achtjährigen Enkel weitergab: Opa. Als Papa nach Omas Tod vor drei Jahren das Dachgeschoss ausgebaut hatte, war Opa in die zwei Zimmer unter der Dachschräge gezogen; Jonas war natürlich traurig, dass Oma nicht mehr da war, aber er fand es prima, dass er nun nur eine weitere Treppe nach oben steigen musste, wenn er Opa besuchen wollte – statt, wie vorher, mit dem Fahrrad oder dem Bus in den nächsten Ort zu fahren, wenn Mama und Papa gerade keine Zeit hatten, er aber ganz dringend Opas Hilfe brauchte. Denn Opa war in vielen Dingen einfach der beste Ratgeber. Als Jonas an die Tür klopfte, hörte er ein tiefes Brummen, und er fand Opa in seinem Schaukelstuhl vor dem Giebelfenster, aus dem er wie so oft die Straße beobachtete. Draußen wurde es schon dämmrig, obwohl es eigentlich noch früher Nachmittag war. Jonas nahm sich eines der großen Sitzkissen, die auf dem Boden lagen, und zog es vor die bis zum Fußboden hinunterreichende Scheibe, sodass er Opa direkt gegenüber saß. Das war ihr gemeinsames Ritual, wann immer Jonas für eine wichtige Frage nach oben kam; Opa brauchte gar nichts zu sagen, er hob nur eine seiner buschigen, weißen Augenbrauen, und Jonas holte tief Luft und legte los:

„Du, Opa – kann ein Centstück eigentlich Glück bringen?“ Jetzt zog Opa noch die andere Augenbraue hoch, nahm die Teetasse mit dem Schottenkaromuster von seinem Zeitungstisch und trank einen Schluck Fencheltee, bevor er antwortete: „Ein Cent, wie man ihn manchmal auf der Straße findet?“ Jonas nickte. „Dann ist dir das heute passiert? Hast du einen Cent gefunden und danach Glück gehabt?“ „Ich weiß nicht“, gab Jonas zu. „Linda hat eine Münze gefunden, und bei ihr hat es scheinbar geklappt. Und vielleicht hat der Cent mir auch geholfen – weil ich nämlich eine gute Idee gebraucht habe, und wenn das mit dem Glückbringen stimmt …“ Opa nahm noch einen Schluck Tee, stellte die Tasse ab und faltete die Hände im Schoß. Jonas setzte sich ein bisschen gerader hin; er wusste aus Erfahrung, dass nun etwas Wichtiges kommen würde. „Mit dem Glück ist das so eine Sache. Es ist ja schon einmal ein glücklicher Zufall, Geld auf der Straße zu finden. Ob die Münze selbst dann noch einmal zusätzliches Glück bringt, das lässt sich natürlich nur schwer sagen. Aber für viele Leute, die daran glauben, stimmt es trotzdem: Weil sie nämlich erwarten, dass sie nun ein wenig mehr Glück als sonst haben werden, fällt es ihnen stärker auf, wenn ihnen bald, nachdem sie den Glückscent aufgehoben haben, etwas Gutes passiert. Vielleicht wäre dieses Gute so oder so passiert, aber wenn zum Beispiel an einem ganz gewöhnlichen Tag auf dem Weg zur Arbeit alle Ampeln grün sind, man zu Hause einen netten Brief im Briefkasten findet oder eine andere Freude erlebt, ist das oft schnell vergessen. An einem Tag mit Glückscent aber achtet der Finder oft einfach mehr auf das kleine Glück, das ihm begegnet, und erinnert sich besser daran – und so kann dann am Ende doch die kleine Münze dazu beitragen, dass es ein besonders schöner Tag wird. Verstehst du, wie ich das meine?“ Jonas merkte, dass seine Stirn sich in Falten gelegt hatte, aber er nickte langsam: „Der Glückscent bringt also nicht unbedingt Glück, aber er sorgt dafür, dass man das Glück erkennt, und deshalb macht er glücklich?“ Opa lächelte. „Und wenn man da ein bisschen nachhilft?“, fragte Jonas vorsichtig. „Wenn man also dafür sorgt, dass jemand einen Glückscent findet? Ist das dann auch so, als ob man demjenigen ein bisschen Glück gebracht hätte?“ „Aber ganz gewiss“, meinte Opa, zwinkerte und legte Jonas eine Hand aufs Knie. „Und ich denke, gerade in der Weihnachtszeit neigen die Menschen noch ein bisschen mehr dazu, an die Magie des Glückcents zu glauben. Aber das ist nur meine Theorie – vielleicht möchtest du es ausprobieren und mir davon berichten?“

Als er Sekunden später die Treppe wieder hinuntersauste, wusste Jonas mit einem Mal ganz genau, wie seine vierundzwanzig guten Taten aussehen sollten. Er rannte in sein Zimmer, kletterte aufs Bett und nahm den Sparfuchs, der auf dem Regal über seinem Kopfende thronte, herunter. Bis er alle Münzen herausgeschüttelt hatte, dauerte es eine Weile, aber Jonas fand tatsächlich – wenn das kein Glück war – genau vierundzwanzig Ein-Cent-Stücke in seinen Ersparnissen. Wenn er das ein oder andere noch ein bisschen polierte, würden sie alle so schön glänzen wie Lindas Münze, und dann wären sie auf der Straße, im Park oder auf dem Schulhof sicher nicht zu übersehen. Und Jonas würde sicherstellen, dass die richtigen Menschen sie fanden – Leute, denen er in den kommenden Wochen eine kleine Freude machen wollte. Einen kurzen Moment lang kamen Jonas Zweifel und er fragte sich, ob er sich die Aufgabe, die Frau Heisenberger der Klasse gestellt hatte, damit nicht ein wenig zu leicht machte. Schneeschippen oder Strohsterne basteln erforderte schließlich viel mehr Arbeit, als einfach nur ein Geldstück auf die Straße zu werfen. Aber Jonas wollte sich ja nicht vor irgendetwas drücken; er wollte einfach bloß eine besondere Idee umsetzen und nicht die gleichen Dinge tun wie alle anderen. Außerdem würde er genau Buch führen, wer seine Glückscents fand, und auch später nachfragen, ob sie wirklich ihre Wirkung entfaltet hatten. Und wenn das nicht klappte, so schwor Jonas sich, würde er auf alle Fälle noch einen anderen Weg finden, dem glücklosen Finder eine Freude zu machen. Dann konnte er immer noch Salz in der Auffahrt ausstreuen oder Einkaufstaschen schleppen. Und vielleicht würde er manchmal auch einfach beides tun – die Münze zurechtlegen und später selbst dafür sorgen, dass der Glückscent demjenigen, der ihn aufhob, ein positives Erlebnis bescherte.

Das Wochenende nutzte Jonas, um mit Essig, Salz und einem Silberputztuch von Mama seine vierundzwanzig Glücksbringer auf Hochglanz zu bringen. Und als er am Dienstagmorgen das erste Türchen seines Adventskalenders öffnete, wusste er auch schon, für wen sein erstes Centstück bestimmt sein sollte. Er beeilte sich beim Frühstück und machte sich zehn Minuten früher als sonst auf den Schulweg; wenn es morgens so kalt war, dass man Mütze und Handschuhe brauchte, wurden die Klassenzimmer bereits vor dem ersten Klingeln aufgesperrt, und Jonas wollte unbedingt als Erster hineinkommen, um ungestört seine Münze platzieren zu können. Er schob sie genau hinter ein hölzernes Bein des Lehrerstuhls unter dem Pult, von dem er wusste, dass Frau Heisenberger ihn zu Beginn der ersten Stunde herausziehen würde, um ihre Tasche darauf abzustellen. Er wurde nicht enttäuscht: Als seine Lehrerin den Stuhl herausrückte, stieß sie gegen das Centstück, das dadurch genau in ihr Blickfeld schlitterte. Und wie Jonas es sich erhofft hatte, bückte sie sich sofort, um es aufzuheben: „Na, so was! Ein Glückscent – den kann ich heute gut gebrauchen! Schließlich muss ich heute Nachmittag noch zum Zahnarzt …“ Und während Frau Heisenberger die Anwesenheit kontrollierte, nahm Jonas ein neues, sauber und thematisch passend in Weihnachtsgeschenkpapier eingeschlagenes dünnes Heft aus dem Ranzen und schrieb den Namen seiner Lehrerin als Überschrift unter das Datum seiner Hausaufgabe für den 1. Dezember. Den zweiten, noch wichtigeren Teil dieser Hausaufgabe konnte er freilich erst am folgenden Tag erledigen. Frau Heisenberger hatte kaum den Unterricht begonnen, als Jonas’ Hand in die Höhe schoss: „Hat er denn geholfen beim Zahnarzt, der Glückscent?“ Frau Heisenberger lachte, doch dann nickte sie ganz ernsthaft: „Das glaube ich ganz fest! Mein Zahnarzt musste nicht einmal bohren – er meinte zwar, dass das am ordentlichen Zähneputzen liege, aber eigentlich war ich da in letzter Zeit gar nicht so fleißig …“ Sie zwinkerte Jonas zu, der ein ganz warmes Gefühl im Bauch bekam; er konnte es kaum erwarten, auf dem Nachhauseweg seine zweite gute Tat zu vollbringen und aufs Neue Glücksbote zu spielen.

Auch Jonas’ Papa, der am Nachmittag eine glänzende Centmünze in der Auffahrt fand, kurz bevor er die Kiste mit Weihnachtsschmuck aus der Garage holte, hatte Glück – anders als in den vergangenen Jahren war in diesem Jahr kein einziges Lämpchen der Weihnachtsbeleuchtung, die er mit Jonas’ Hilfe um die Dachrinne und die Äste der beiden Schmucktannen im Vorgarten schlang, kaputt, und so erstrahlte Jonas’ Haus in buntem Lichterglanz, noch bevor Mama aus dem Wohnzimmer zur Stärkung mit Kaffee, Kakao und Vanillekipferln rief. Jonas fand bald jeden Abend großen Gefallen daran, sich auszudenken, wem er am folgenden Tag eine Freude bereiten wollte, und er stellte fest, dass Frau Heisenberger eindeutig recht gehabt hatte: Die Freude der Finder über ein wenig Hilfe oder eben einfach nur die Aussicht auf ein kleines bisschen Glück im stressigen Vorweihnachtstrubel empfand er als mindestens genauso schön, wie es ein für ihn bestimmtes Wichtelgeschenk in der Schule hätte sein können – und vielleicht sogar noch schöner, denn immerhin hatte zumindest Jonas mit Wichtelgeschenken bisher nicht die besten Erfahrungen gemacht. So jedenfalls hatte er es selbst in der Hand, nicht nur jemand anderem, sondern damit zugleich sich selbst einen Glücksmoment zu bescheren, und das besondere Projektheft mit den Nikoläusen und Schneemännern auf dem Einband füllte sich jeden Tag ein bisschen mehr, denn noch nie hatte Jonas mit so viel Eifer und so großer Ausführlichkeit seine Hausaufgaben erledigt. An manchen Tagen hatte Jonas selbst Glück und erwischte mit seinen Glücksmünzen einfach einen günstigen Zeitpunkt – so hatte er ja nicht wissen können, dass Herr Lotringer genau an jenem Tag zu einem Arztbesuch abgeholt wurde, um seine Krücken abzugeben, als Jonas ihm einen blankgewienerten Cent auf die Fußmatte legte.

Und als er am Nachmittag des Nikolaustages beim Gassigehen mit Rüdiger gedankenverloren mit der Münze spielte, die er noch auszulegen, für die er noch gar keinen Empfänger ausgewählt hatte, sprang sie ihm aus der Hand und rollte ausgerechnet einem kleinen Mädchen vor die Füße, dass mit seiner Mutter offenbar gerade auf dem Nachhauseweg war und sich wohl ein klein wenig Sorgen gemacht hatte, ob sie auch brav genug für ein Geschenk gewesen sei. Die Kleine war gehörig erleichtert, als sie den Glückscent fand, und Jonas, der mit Rüdiger stehengeblieben war und so tat, als bewundere er die Weihnachtslichter in den Fenster eines Hauses auf der anderen Straßenseite, um der Unterhaltung der beiden zuzuhören, verstand bald auch, warum. „Schau, Mama, das heißt bestimmt, dass der Nikolaus doch keine Rute mitbringt! Das mit der Fingerfarbe auf der Tapete im Flur war ja auch nicht böse gemeint, und das weiß der Nikolaus doch, oder? Meinst du, jetzt kriege ich doch einen gefüllten Stiefel?“ Im Vorübergehen sah Jonas, wie die Mutter ihrer Tochter einen strengen Blick zuzuwerfen versuchte, doch ein Lächeln spielte um ihre Lippen, und auch, als sie meinte, das kleine Fräulein solle sich da bloß nicht zu sicher sein, hörte Jonas heraus, dass es an diesem Abend sicherlich keine Tränen über Kohlestückchen im Schuh geben würde.

Manchmal half Jonas dem Glück aber auch ein wenig auf die Sprünge, zum Beispiel, als er am dritten Adventswochenende mit seiner Familie über den Weihnachtsmarkt schlenderte. Er ließ die Münze fallen, während er gemeinsam mit Linda einem Eisskulpturenschnitzer zusah, und hätte keinerlei Möglichkeit gehabt, zu sagen, ob sie der Frau, die sie freudig aufhob, auch tatsächlich ein wenig Glück bescheren würde – dann aber traf er ebenjene Frau nur wenig später am Stand mit den heißen Maronen wieder, wo sie beim Entgegennehmen der Tüte mit den warmen Esskastanien unbemerkt ihren Geldbeutel fallen ließ und nichtsahnend davonging. Jonas, der noch in der Schlange stand, sprang schnell vor, hob die Börse auf und lief ihr hinterher, und auch, wenn es für ihn im Grunde eine Selbstverständlichkeit war, freute die Frau sich doch unheimlich, und Jonas ging ebenfalls mit einem Lächeln und jenem warmen Gefühl davon, das inzwischen ein lieb gewonnener Bekannter war. Dass er sich beim Maronimann wieder ganz hinten anstellen musste, machte ihm kaum etwas aus.

Richtig knifflig war seine Glücksmission schließlich am letzten Schultag, als Jonas fest entschlossen war, seinem besten Freund André noch eine unerwartete Freude zu bereiten. André allerdings wollte partout nicht daran glauben, dass die kleine Münze, die er an der Garderobe gefunden hatte, ihm Glück bringen würde. Da reichte weder die Eins in der Mathearbeit – für die er ja immerhin mächtig viel gelernt hatte – aus, um ihn umzustimmen, noch der Sieg seiner Mannschaft beim Völkerball in der letzten Schulstunde. Erst, als Jonas sich nach dem Ferienklingeln freiwillig und sogar freudig bereit erklärte, André und dessen Opa zum Schlagen eines Weihnachtsbaumes in den Wald zu begleiten, war er überzeugt, dass das Glück doch auf seiner Seite sein musste: „Mensch, das ist wirklich klasse! Opa sagt zwar, dass wir gemeinsam einen Baum schlagen wollen, aber letztes Jahr hat er mir nach zwei Schlägen die Axt in die Hand gedrückt und gemeint, ich sei jung und stark und könne das sicher gut alleine … Drei Stunden hab ich gehackt und gesägt, und am Ende war die Tanne auch noch zu groß für Omas Wohnzimmer!“ Gemeinsam brauchten sie an diesem Nachmittag nicht einmal halb so lang, und zur Belohnung, weil sie einen besonders schönen Baum nach Hause gebracht hatten, der diesmal genau in die Stube passte, gab es bei Andrés Großeltern für die fleißigen Baumfäller noch ofenwarme Zimtplätzchen nach einem angeblich hunderte Jahre alten Geheimrezept.

Der Heilige Abend war da, ehe Jonas es sich versah. Im Wohnzimmer glitzerte der Weihnachtsbaum, Mama hatte schon alles für das Weihnachtsessen vorbereitet, und im Flur zogen Papa, Opa und Linda bereits Schal und Stiefel an, da sie alle zusammen bald zum Krippenspiel in der Kirche aufbrechen würden. Jonas war ebenfalls bereits dick eingepackt, aber er wollte warten, bis alle anderen aus der Tür waren, denn er musste dringend noch ein letztes, ganz besonderes Geschenk unter den Baum legen. Sorgsam befestigte er das allerletzte kupferig schillernde Centstück mit einem durchsichtigen Klebestreifen auf dem Heft, das er in den letzten vierundzwanzig Tagen mit den Einträgen zu seinem außergewöhnlichen Adventsprojekt gefüllt hatte. Sicher, er würde das Heft noch einmal in die Schule mitnehmen und dort daraus vorlesen müssen – aber längst hatte Jonas beschlossen, dass es vor allem ein Weihnachtsgeschenk für Opa werden sollte. Ohne dessen Rat hätte Jonas sich schließlich niemals dafür entschieden, seine guten Adventstaten als Glücksbote zu vollbringen, und so nicht nur bisher dreiundzwanzig Menschen, sondern vor allem auch sich selbst die Vorweihnachtszeit noch ein kleines bisschen schöner gemacht. Deshalb war es nur passend, dass der letzte Cent gemeinsam mit dem Heft für Opa bestimmt war.

Als er durch sein Zimmerfenster sah, dass seine Familie bereits in der Auffahrt stand und auf ihn wartete, flitzte Jonas ins Wohnzimmer und schob das Heft, an dem er einen besonders schönen Namensanhänger befestigt hatte, damit es keine Verwechslung geben konnte, zwischen die vielen anderen liebevoll verpackten Gaben unter dem Weihnachtsbaum. Bevor er dann im Flur die Haustür hinter sich zuzog, warf er noch einen Blick zurück und glaubte, sogar von hier aus die Münze mit einem warmen Glanz schimmern zu sehen. Jonas war sich sicher, dass es keine Rolle spielte, dass das Geldstück auf dem Geschenk klebte und nicht wie bei den anderen Empfängern zufällig gefunden werden würde. Für Opa musste er die Münze nicht heimlich irgendwo zurechtlegen; der wusste schließlich ohnehin am besten, wie das mit dem Glück funktionierte.